«Den Fussabdruck verkleinern, den Handabdruck vergrössern»
Das Nachhaltigkeitsranking 2025/26 der Swiss Football League (SFL) und Responsiball zeigt, wo die Klubs in den Bereichen Umwelt, Soziales und Unternehmensführung stehen. Doch was kann ein solches Ranking tatsächlich bewirken? Wie stark hängen gute Resultate von den finanziellen Möglichkeiten eines Klubs ab? Und welche Rolle übernimmt die Liga selbst? Ranusan Chandrapalan, Verantwortlicher Nachhaltigkeit bei der SFL, spricht über seine persönliche Motivation, die Fortschritte der Klubs und darüber, wo der Fussball gesellschaftlich am meisten bewegen kann.
Ranusan, was motiviert dich persönlich, das Thema Nachhaltigkeit im Fussball voranzutreiben?
Für mich hat Nachhaltigkeit im Fussball zwei Seiten. Einerseits geht es darum, den eigenen Fussabdruck zu reduzieren, beispielsweise Emissionen zu senken oder Diskriminierung entgegenzuwirken. Andererseits hat der Fussball eine enorme Strahlkraft. Er erreicht sehr viele Menschen und kann sie zu positiven Veränderungen inspirieren.
Man könnte von Fussabdruck und Handabdruck sprechen: Wir müssen unseren eigenen Verpflichtungen nachkommen, haben gleichzeitig aber auch die Chance, über den Fussball gesellschaftlich etwas zu bewirken. Das finde ich besonders spannend. Und die SFL bietet dafür eine gute Plattform, weil sich Ideen und Projekte über die gesamte Liga hinweg skalieren lassen und dadurch eine grössere Wirkung entfalten können.
Was soll das Responsiball Ranking über eine Rangliste hinaus bewirken?
Das Ranking soll vor allem Entwicklung auslösen. Es zeigt den Klubs, wo sie bereits gut unterwegs sind und wo noch Potenzial besteht. Gleichzeitig möchten wir sowohl diejenigen Klubs unterstützen, die bei gewissen Themen noch am Anfang stehen, als auch jene weiterbringen, die bereits sehr viel machen. Dabei müssen nicht alle das Rad neu erfinden. Wenn ein Klub eine gute Lösung entwickelt hat, kann diese vielleicht in angepasster Form auch für einen Klub mit weniger Ressourcen funktionieren. Genau dafür haben wir Arbeits- und Fachgruppen, in denen die Klubs ihre Erfahrungen und Best Practices miteinander teilen.
Wichtig ist dabei: Das Ranking ist vor allem eine Standortbestimmung und ein Instrument zur kontinuierlichen Verbesserung. Eine hohe Punktzahl bedeutet nicht, dass ein Klub vollständig nachhaltig ist, sondern zeigt, wie systematisch er Nachhaltigkeit in den verschiedenen Bereichen angeht. Gleichzeitig entwickeln sich die Anforderungen laufend weiter. Entscheidend ist deshalb, dass die Klubs ihre Entwicklung kontinuierlich fortsetzen.
Auffällig ist, dass grosse Klubs wie YB und Basel weit vorne liegen. Ist Nachhaltigkeit am Ende auch eine Frage des Budgets?
Ressourcen spielen durchaus eine Rolle. Das ist im Fussball nicht anders als in der Wirtschaft. Gerade im Bereich Unternehmensführung haben grössere und stärker professionalisierte Klubs gewisse Vorteile. Auch bei Umweltthemen können zusätzliche personelle und finanzielle Ressourcen helfen, Projekte schneller anzugehen. Aber daraus darf man nicht ableiten, dass Nachhaltigkeit nur etwas für grosse Klubs ist. Es gibt viele Massnahmen, die auch mit überschaubaren Mitteln umgesetzt werden können. Nachhaltigkeit kann sogar Kosten senken. Bei Energieprojekten sehen wir beispielsweise, dass Investitionen zu tieferen Betriebskosten führen können.
Im sozialen Bereich ist der Zusammenhang mit der Klubgrösse ohnehin viel weniger ausgeprägt. Dort spielen die Haltung und die Philosophie eines Klubs eine entscheidende Rolle. Kleinere Klubs können sogar Vorteile haben: Sie sind teilweise näher bei den Menschen, haben kürzere Entscheidungswege und können gewisse Dinge schneller umsetzen. Es geht deshalb nicht nur darum, wie viele Ressourcen vorhanden sind, sondern auch darum, wie konsequent ein Klub das Thema angeht.
Welche Rolle übernimmt die SFL dabei: Vorgaben machen oder die Klubs unterstützen?
Beides gehört dazu. Bei gewissen Themen braucht es klare Erwartungen und Hinweise. Gleichzeitig möchten wir als Liga aber nicht einfach mit dem Mahnfinger auftreten. Unsere Aufgabe ist es vor allem auch, die Klubs zu unterstützen und neue Entwicklungen anzustossen.
Dazu setzen wir selbst Projekte um, denen sich die Klubs anschliessen können, wie zum Beispiel jüngst mit Carpooling oder der Inclusion League. Gleichzeitig fördern wir den Austausch zwischen ihnen. Wenn ein Klub aus eigener Erfahrung zeigen kann, dass eine Lösung funktioniert, hat das häufig eine andere Wirkung, als wenn wir als Liga etwas vorgeben.
Wir schauen zudem über die Schweiz hinaus: Was machen andere Ligen und Klubs? Was davon funktioniert bei uns bereits? Und wie können wir dieses Wissen zusammenbringen und den Klubs zugänglich machen? Die Liga soll in diesem Prozess nicht nur kontrollieren, sondern unterstützen und selbst vorangehen.
Ist diese Haltung bei den Klubs inzwischen angekommen oder bleibt Nachhaltigkeit teilweise eine Pflichtübung?
Die Entwicklung ist deutlich spürbar. Als ich vor rund viereinhalb Jahren bei YB als Nachhaltigkeitsverantwortlicher angefangen habe, war eine solche Funktion noch aussergewöhnlich. Inzwischen haben mehrere Klubs Personen, die sich schwerpunktmässig oder sogar vollständig mit Nachhaltigkeit beschäftigen. Das zeigt, dass das Thema zunehmend strukturell verankert wird.
Natürlich unterscheidet sich die Motivation je nach Klub und Thema. Bei konkreten sozialen Themen wie dem Kinder- und Jugendschutz erleben wir beispielsweise sehr viel Engagement. Die Leute sehen unmittelbar, weshalb das wichtig ist, bringen ihre Erfahrung ein und möchten gemeinsam Lösungen entwickeln. Bei abstrakteren Themen wie einer CO₂-Bilanz ist es teilweise schwieriger, die gleiche Begeisterung auszulösen.
Auch die Gründe, weshalb ein Klub aktiv wird, unterscheiden sich. Manchmal kommt der Antrieb direkt von der Führung und wird vom Verwaltungsrat bis zur Geschäftsleitung getragen. In anderen Fällen spielen Sponsoren oder die öffentliche Wahrnehmung eine Rolle. Und auch ein Ranking kann einen gewissen sportlichen Ehrgeiz auslösen: Wenn sichtbar wird, wo andere besser abschneiden, entsteht natürlich der Wunsch, sich ebenfalls weiterzuentwickeln.
Wo kann der Fussball in Sachen Nachhaltigkeit am meisten bewirken?
Seine grösste Stärke hat der Fussball aus meiner Sicht im sozialen Bereich. Dort können wir mehr tun, als lediglich negative Auswirkungen zu reduzieren. Wir erreichen Menschen direkt und können mit Projekten etwas auslösen, das über den Fussball hinaus Wirkung zeigt.
Bei ökologischen Themen müssen wir dagegen auch selbstkritisch sein. Bevor wir anderen erklären, wie sie sich verhalten sollen, müssen wir zunächst unseren eigenen Fussabdruck weiter reduzieren. Auch dort kann der Fussball irgendwann eine Vorbildfunktion übernehmen, aber wir haben noch Arbeit vor uns. Für die laufende Saison gehören deshalb mehrere konkrete Themen zu unseren Schwerpunkten. Gemeinsam mit Swiss Recycle beschäftigen wir uns beispielsweise verstärkt mit dem Abfallmanagement der Klubs. Im sozialen Bereich werden wir den Kinder- und Jugendschutz weiter vertiefen. Dazu kommen Themen wie Inklusion, der Zugang zum Stadion für Menschen mit Beeinträchtigung und Antidiskriminierung.
Am Ende geht es immer um beides: den eigenen Fussabdruck zu verkleinern und gleichzeitig die besondere Kraft des Fussballs zu nutzen, um positive Entwicklungen anzustossen.